Kommentare zum TAO


 

 

„Der Weg und die Kraft - Tao-te-king“  von R.L.Wing   ( Bechtermünz Verlag )


Das alte Chinesisch kennt kein Aktiv oder Passiv, keinen Singular oder Plural. Beinahe jedes Wort kann in der jeweiligen Aussage sämtliche grammatischen Funktionen übernehmen. Chinesischen Schriftzeichen sind weniger Repräsentanten von Wörtern als Symbole für Ideen. Nicht mit Worten teilt uns Laotse mit, was er denkt, sondern er zeigt es uns in Symbolen. Deshalb wendet sich das eigentliche Werk unmittelbar an die geistige Intuition des Lesers

Die Grundintention des Tao te King besteht darin, im Bewusstsein des Lesers wie ein Katalysator zu wirken und Einsichten in das Wesen der Realität freizusetzen, was für den Leser wiederum bedeutet, dass er an der Sinnkonstituierung des Werkes produktiv teilnehmen muss.

Laotse hatte nicht die Absicht, ein abgeschlossenes, endgültiges, eindeutiges Werk zu schaffen, das über den historischen Wandel erhaben wäre; es hätte sich dann nicht wie das tao selbst verhalten.

Laotse war überzeugt, dass intuitives Wissen die reinste Form von Information ist. Aus diesem Grund drückte er seine Philosophie in Form von Gedankenexperimenten aus - geistigen Übungen, ersonnen zur Steigerung und Fortbildung der intuitiven Fähigkeiten. Er regt uns an unser kognitives Erfassen der Umwelt mit einer kraftvollen persönlichen Vision zu verbinden. Neurologisch gesehen könnten wir dies einen ‚ganzheitlichen‘ Verstehensansatz nennen, bei dem die räumlich und ästhetisch kompetente rechte Gehirnhälfte gleichzeitig mit der analytisch und logisch orientierten linken zur Anwendung kommt.

Viele der klassischen Werke chinesischer Philosophie sind in einem Stil verfasst, für den es in der westlichen Literatur kein Pendant gibt. Der Großteil westlicher Philosophie scheint auf den Funktionen der analytischen linken Gehirnhälfte aufzubauen: Eine Hypothese wird über eine Anzahl Kapitel hinweg logisch entwickelt, bis man, am Ende des Buches, zu einer Schlußfolgerung gelangt ist. Chinesischen Philosophie hingegen ist eher mit den Funktionen der räumlich orientierten rechten Gehirnhälfte verbunden. Diese Werke sind gewissermassen holographisch, dreidimensional.

Östliche Gelehrte studieren einen philosophischen Klassiker, indem sie nach einer subjektiven Erfahrung Ausschau halten, die ihr intuitives Verständnis des Werkes stimulieren könnte.  




„Lao-tzu und der Taoismus“  ( edition Suhrkamp )


Neben Konfuzius ist Lao-Tzu wahrscheinlich die berühmteste Gestalt des chinesischen Altertums und eine, deren Namen dem westlichen Publikum wohl bekannt ist.

( kleine Anmerkung dazu: Wie wenig die Philosophie des tao bisher in unserer Kultur allerdings wirklich wahrgenommen wird, zeigt sich u.a. auch dadurch, dass mein Schreibprogramm aus Taoismus immer wieder Maoismus macht! ) Das Buch, das seinen Namen trägt, wird auch Tao-te-ching genannt. Es ist das mit Abstand meist übersetzte Buch der fernöstlichen Literatur. Und wenn auch solche Übersetzungen gar häufig nur die mehr oder weniger erfindungsreichen Auslegungen eines schwierigen Textes darstellen, so haben sie doch der Popularität des Lao-Tzu keinen Abbruch getan. Denn was weiß man wirklich über diesen Philosophen? Wenig genug! So wenig, dass die Fachleute - seien es nun Chinesen, Japaner oder Gelehrte aus dem Westen - bereits über die Frage seiner historischen Existenz zerstritten sind: Die einen vertreten die Ansicht, dass er nur eine legendäre Gestalt sei; andere räumen zwar seine Existenz ein, vertreten aber sehr unterschiedliche Ansichten hinsichtlich seiner Lebenszeit und hinsichtlich bestimmter Ereignisse seines Lebens.


So erscheint das Tao-te-ching letztendlich als eine Sammlung von Aussprüchen, von denen die einen im Volke kursierende Weisheitssprüche, andere hingegen das Gedankengut verschiedener proto-taoistischer Schulen wiedergeben. Diese Sammlung ist allmählich entstanden, und erst im 3. Jahrhundert v. Chr. hat sie ihre annähernd endgültige Form erhalten. Zuvor muss es von ihr untereinander sehr verschiedene Fassungen gegeben haben, woraus sich die außerordentlich zahlreichen Varianten erklären, denen man sowohl in den verschiedenen Fassungen des heutigen Texts, als auch in den Zitaten der alten Texte begegnet.


Die eigentliche Bedeutung des Wortes tao ist „Weg“, „Pfad“. Verbal gebraucht, bedeutet das gleiche Wort „einen Weg bahnen“ , „führen“, „eine Verbindung herstellen“. Derjenige, welcher seinem Nächsten einen Weg weist, belehrt ihn durch das Wort. So hat tao auch die Bedeutung „sagen“, die eines „Wortes“, das unterrichtet und belehrt, endlich den einer Lehre.

Aber das Wort tao ist auch zuvorderst ein religiöser oder magischer Begriff. Er bezeichnet die Kunst, eine Beziehung zwischen Himmel und Erde oder zwischen den sakralen Mächten und den Menschen herzustellen. 


Der „spontane“ und beständige Name, den das tao natürlicherweise und wesentlich besitzt, „ist vergleichbar dem Neugeborenen, der noch nicht spricht, dem Ei, dessen Inhalt noch nicht geschlüpft ist,der Perle, die noch in der Auster ruht, dem Jadestück, das noch in das Gestein eingeschlossen ist: Obwohl im Innern bereits strahlende Helligkeit herrscht, ist ihr Äußeres ohne Glanz.“ Damit soll gesagt werden, dass jener, der mit dem wahren tao vereint ist, ein inneres Licht besitzt, dass er sorgfältig verbirgt. Hingegen besitzt er eine  Kraft, die aus einer beständigen Vereinigung mit dem höchsten Prinzip rührt.


Lao-Tse macht deutlich, dass in seinem Buch nicht über die höchste Wirklichkeit gesprochen werden kann, sondern lediglich über die Geheimnisse, die Offenbarungen, die die sichtbare und unsichtbare Welt betreffen. Allerdings tauchen diese Geheimnisse, diese Offenbarungen aus der Tiefe des nicht zu Erkennenden auf. Das Absolute offenbart sich in vielfältiger und abgestufter Weise der Intuition des Menschen. Dieser gewinnt so eine mehr oder minder tiefdringende Erkenntnis der Wirklichkeit, je nach dem von ihm erreichten Grad der Weisheit. Das tao-te-ching verheisst ihm nicht, dass er das Ende dieses Weges erreichen wird, aber es fördert seinen Fortschritt, indem es ihn mit oft paradoxen oder rätselhaften Formulierungen zur Meditation anregt. Denn das Buch ist keineswegs ein philosophisches Traktat. Vergeblich wir man in ihm irgend eine Art der Beweisführung suchen. Es liefert nur Ergebnisse, nicht den Weg zu ihnen - den ein jeder auf seine Weise finden muss.




„Der Lauf des Wassers“ von Alan Watts  (Knaur Verlag)


In den letzten fünfzig Jahren sind chinesische, japanische und europäische Gelehrte durch eingehende Textkritik mehr oder weniger zur gemeinsamen Überzeugung gelangt, dass das Buch von Lao-tzu, das Tao Te Ching, eine Zusammenstellung taoistischer Sprichwörter von mehreren Verfassern sei und aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. stamme.


So wie die chinesische Schrift wenigstens um einen Schritt der Natur näher steht als die unsrige, so besteht die uralte Philosophie des tao darin, dem Lauf, der Strömung, dem „Strich“ der Naturphänomene geschickt und intelligent zu folgen und das menschliche Leben als einen integralen Bestandteil des ganzen Weltprozesses zu sehen, nicht als etwas Fremdes, ihm Entgegengesetztes.


Wenn das tao einfach unvorstellbar ist, wozu haben wir das Wort, und warum soll man dann überhaupt etwas darüber sagen? Einfach deshalb, weil wir intuitiv wissen, dass es eine Dimension in uns selbst und in der Natur gibt, die sich uns entzieht, weil sie zu nah, zu allgemein und zu allumfassend ist, um als besonderer Gegenstand herausgehoben zu werden. Diese Dimension ist der Grund aller erstaunlichen Formen und Erfahrungen, die wir wahrnehmen. Weil wir wahrnehmen können, kann sie nicht unbewusst sein, obgleich wir ihrer nicht bewusst sind als eines äußerlichen Gegenstands. So können wir es zwar benennen, aber keine bestimmte Aussage darüber machen. Die einzige Art und Weise, es wahrzunehmen, ist die Beobachtung der Vorgänge und Strukturen in der Natur und die meditative Disziplin, die unseren Geist still werden lässt und ihn so zum lebendigen Innewerden dessen führt, „was ist“, ohne Kommentar durch Worte.


Die die das tao verstehen machen es gern wie die Katzen: Sie sitzen einfach da und gucken, ohne an ein Ziel oder ein Resultat zu denken. Aber wenn eine Katze das Sitzen satt hat, steht sie auf und geht spazieren oder jagt Mäuse. Sie bestraft sich nicht, noch konkurriert sie mit anderen Katzen. Kontemplative Taoisten werden gerne mit Yogis und Zen-Anhängern sitzen, solange sie es vernünftig und angenehm finden, aber wenn die Natur es ihnen sagt, stehen sie auf und machen etwas anderes oder gehen schlafen. Taoisten betrachten die Meditation nicht als „Übung“ ausser in dem Sinn, wie ein Arzt die Medizin „ausübt“. Es liegt ihnen fern, das Universum durch Gewalt oder Willenskraft unterwerfen oder verändern zu wollen, denn ihre Kunst besteht einzig und allein darin, auf eine intelligente Weise dem Fluß der Dinge zu folgen. Meditation entwickelt diese Intelligenz als ein Nebenprodukt, sie ist nicht ihr direktes Ziel.


Der Taoismus ist durchaus keine Philosophie, die einen zwingt, unter allen Umständen gelassen und würdevoll zu sein. Die echte und erstaunliche Gelassenheit von Menschen wie Lao-tzu kommt daher, dass sie bereit und willens sind, ohne Scham unter allen Umständen das Natürliche zu tun.




„Innere Geborgenheit durch Tao Te King“  von Hubert Braunsperger  ( Edition S - Österreich )


Die Sprüche des Tao Te King sind verhältnismäßig spät in das Geistesleben Europas getreten: Die erste vollständige Übersetzung erschein 1842 im Französischen und die erste deutsche erst 1870. Dafür hat diese Art Weisheit sofort ungewöhnliches Interesse gefunden, was an der Vielzahl der bisher erschienenen Übertragungen abzulesen ist. Bis heute ist dieses Interesse nicht abgerissen, sondern befindet sich gerade in jüngster Zeit zunehmend im Wachsen.

Nach der Legende schrieb Laotse diese 81 Sprüche auf Wunsch eines interessierten Zöllners nieder, als er das Land verlassen wollte - also nicht einmal aus eigenem Antrieb - und ist dann verschwunden, ohne wieder gesehen zu werden. Diese Legende will zum Ausdruck bringen, dass Laotse nicht für sein Denken geworben, keine Schule gebildet und keine Anhänger um sich gescharrt hat.

Der Verbreitung der Sprüche des Laotse steht allerdings entgegen, dass sie eine reichlich schwierige Lektüre darstellen, sogar für den Chinesen selbst, erst recht aber für den Abendländer, der in einer völlig anderen Denkweise aufgewachsen ist. Der westliche Mensch ist von der Wissenschaft her eine logisch durchdachte Vorgangsweise gewohnt, für die meditatives Erfassen von Wesenheiten oder gar das Eingehen auf Paradoxien keinen Platz hat.

So wie die chinesische Kultur überhaupt, kennt Laotse nur einander ergänzende Gegensätze, die zusammen eine Einheit bilden, nicht aber einen grundsätzlichen Dualismus, etwas zwischen Geist und Materie oder Gut und Böse. 

Wenn auch dieses Denken der bisherigen Denkweise des westlichen Menschen entgegengesetzt war, so hat sich dies seit kurzem geändert. Dadurch hat es eine geradezu brennende Aktualität gewonnen. Die gedanklichen Grundlagen der modernen Wissenschaft befinden sich seit einiger Zeit in einer Phase des radikalen Umsturzes. Vor allem in der Physik, Astrophysik und Evolutionstheorie haben sich Entwicklungen ergeben, die ein grundlegendes Umdenken notwendig machen. Irreversibilität, Prozesshastigkeit, Komplexität, Selbstorganisation und Geschichtlichkeit sind neue Begriffe, die seit kurzem in der Physik und erst recht in der Biologie immer stärker in den Vordergrund treten und erkennen lassen, dass nicht ein Seinsgefüge, sondern Wandel und Werden dem gesamten Geschehen zugrunde liegen. Dies bedeutet zugleich, dass Zufall gleichberechtigt neben Notwendigkeit tritt, dass also nicht eine berechenbare Stabilität das Grundmuster der Welt darstellt, sondern ihre Fähigkeit zur Verwandlung. Wenn man von diesen Vorstellungen her dem Tao Te King näher tritt, gewinnt es plötzlich neue Konturen. Es wird mit einem Mal nicht nur leicht verständlich, sondern es zeigt sich in ihm ein geistiger Gehalt, der imstande ist, diese ungewohnten Aspekte, die nunmehr in unserer Wissenschaft aufgetaucht sind, innerhalb eines neuen Gesamtzusammenhanges verstehen zu lernen.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, der die Sprüche des Laotse für uns plötzlich bedeutsam werden lässt, und zwar bezieht sich dies auf den moralischen Aspekt, der in ihnen enthalten ist. Auch dieser scheint für uns schwer zugänglich zu sein, da von Laotse das Nichtwollen und das Nichthandeln vertreten wird. Dies lässt sich auf den ersten Blick kaum mit unserer auf Aktivität ausgerichteten Zivilisation vereinbaren. Dabei trifft das Wort Moral auf das, was Laotse vermitteln will, eigentlich gar nicht zu, da eine Moral bereits eine Festlegung enthält, während es Laotse ausschließlich um eine innere Haltung geht. Das Nichthandeln bei Laotse bedeutet keinen Rückzug aus der Welt, etwa im Sinne einer stoizistischen Resignation, sondern ein Verlagern der Kräfte in ein inneres, geistiges Wachstum, wodurch Ehrgeiz, Machtstreben und Besitzgier als gegenstandslos vom Menschen abfallen. Es wird dadurch nicht nur eine innere Geborgenheit, sondern auch eine maximale Selbstverwirklichung ermöglicht, eben die Entwicklung zum Weisen, Berufenen, Vollendeten, oder wie man die Anhebung des Menschen auf eine höhere geistig-moralische Stufe auch immer bezeichnen will. 

Wenn Laotse Distanz von Tat und Handeln fordert, bedeutet dies eben keinen Rückzug aus der Welt, sondern im Gegenteil eine besondere Art der Einflussnahme, nämlich als geistige Beziehung, was eine höhere Intensität aufweist als bloßes Eingreifen durch die Tat. zugleich wird damit eine Gesellschaftskritik ausgesprochen, die an grundsätzlicher Schärfe keineswegs hinter dem zurücksteht, was heutzutage bei uns üblich ist. sie wird allerdings nicht von einem Standpunkt der blossen Freiheitsforderung des einzelnen ausgesprochen, sondern ergibt sich aus einem Denken heraus, das von der Gemeinschaft ausgeht und unermüdlich den Gedanken umkreist, wie diese sich sinnvoll und ausgewogen entfalten sollte.

Laotse weist den Menschen auf das hin, was er in sich selbst vorfindet, und fordert ihn dazu auf, durch seine eigene Bemühung daraus etwas zu machen. Der Mensch hat also einerseits in sich zu gehen und sich in seine Geschöpflichkeit zu versenken, aber andererseits durch diese Sammlung auf sein Inneres eine geistige Haltung zu verwirklichen, die ihn zum verantwortungsbewussten Mitschöpfer an der Welt werden lässt.

Bei dem Menschen, der an der Oberfläche stehenbleibt, mag diese Art Geistigkeit ein Gelächter auslösen, für jenen Menschen, der dadurch im Innersten angesprochen wird, ist sie ein Grund zum stetigen Lächeln.



„Das Lächeln des Tao“   von Lawrence Durrell  ( Suhrkamp )

ein rein literarischer Versuch sich dem Thema zu nähern


Der Taoismus ist eine so außergewöhnliche Marke östlicher Philosophie, dass man ihn zurecht eher eine ästhetische als eine institutionalisierte Sicht des Universums nennen kann. Ein Taoist ist der Joker im Spiel, der Poet am Herd. Sein Neigungswinkel rührt von einer simplen Behauptung her, nämlich, dass die Erde ein Paradies sei, und man daher gezwungen ist, dies so vollständig wie möglich wahrzunehmen und zu verwirklichen, bevor man gezwungen wird, sie zu verlassen. Der allgegenwärtige Imperativ dabei ist, dass im Verlauf dieses großen Festes unschuldigen Atems nichts, auch nicht der geringste Tropfen verschwendet werden darf.

Der Prozess der Bewusstwerdung tritt an einem Punkt ein, wo der Taoist in seinem Inneren einen neuen Zustand reiner Wachheit erfährt, - die Idee, dass die gesamte Ewigkeit 

durch ein einziges unüberlegtes Wort, durch eine einfache Unachtsamkeit, ja bereits durch ein zur Unzeit zitterndes Blatt in Frage gestellt werden kann!

Die Taoisten entschieden sich dafür, die große Frage nach dem höchsten Glück, nach der vollkommenen Seligkeit den höheren Rängen der religiösen Hierarchie zu überlassen und sich mehr mit der Welt als Ist abzugeben.

Die wahren Taoisten hatten kein unterscheidbares Merkmal aufzuweisen, außer, einen gewissen Blick im Auge, - einen taoistischen Blick! Einen Blick im inneren Auge des Geistes sozusagen! Unter diesen Worten warf mir Chang als Beispiel einen taoistischen Blick zu, und sofort sah ich, was er meinte. Es war ein großartiger kleiner Blick voller irritierender Schamlosigkeit, Ironie und voll Gelächter. Es war ein Blick sardonischer Komplizenschaft, - er zeugte von einem vergnügten und verschmitzten Bewusstsein darüber, wie kostbar das unausgesprochene ist. Es war wie das erste Band zwischen Menschen, die damit ihre Partnerschaft innerhalb des Gesamtprozesses zum Ausdruck bringen. Mir wurde klar, dass ich dabei in die Augen von Chuang Tse, meinem Lieblingsphilosophen - dem Groucho Marx der taoistischen Philosophie - blickte. Es war gewissermaßen das Auge des großen Paradoxons. Nichts lässt sich darüber aussagen, - es ist Taoismus, und sobald man versucht, eine explizite Aussage darüber zu machen, zerstört man es.

Ich erkannte, dass der Taoismus aus dem Lächeln des Kasyapa geboren war, - jenes nicht einmal besonders gewissenhaften Schülers, den Buddha in den höchsten Rang erhob, als er, der Meister - noch mitten im intensivsten Lehrdiskurs - zufällig den Blick dieses jungen Mannes erhaschte und überrascht in seinem Gesicht das Lächeln des Tao entdeckte! Da bedurfte es keiner weiteren Worte mehr, denn dieser eine lächelnde Blick machte ihm klar, dass Kasyapa die ganze Sache voll begriffen hatte. Buddha reichte ihm die Blume, die er in der Hand hielt, und befahl ihm, schleunigst den Unterricht zu verlassen. Da er die Inder so schrecklich langweilig und humorlos fand, machte sich Kasyapa also auf nach China, - das taoistische Lächeln war sein ganzes Gepäck. Und aus diesem Austausch zweier Blicke erwuchs die fernöstliche Buntheit der buddhistischen Welt, - und später dann die beachtliche Abkürzung des Zen-Sprungs, der den Dschungel der indischen Metaphysik vollkommen links liegen ließ und doch die wahre Essenz der Lehre umschloss.

Das Tao legt mir eine Haltung nahe ( alle Wahrheit ist ja relativ ), - einen Zustand totaler und allumfassender Bewusstheit aus vollem Herzen jenem Moment gegenüber, wo die Gewissheit wie ein Fisch an der Angel die Oberfläche durchbricht. Genau an diesem Punkt liegt der Geist in gleicher Schwingung mit der großen Metapher der Welt als Tao.

Dann erst ist die Wirklichkeit wirklich Wirklichkeit und frei von allem fesselnden, konzeptionellen Apparat des bewussten Denkens. Dann ist die Wirklichkeit das Blitzlichtmoment, wo der Geist sich in die Natur aller lebenden und unbelebten Schöpfung fügt. Und diese Poesie ist Tao.