"Der Daoismus ist ein Spiegelstrich-Denken, vagabundierend frei und ohne die Zwangsjacke der Logik: Leben - Tod, richtig-falsch, Ich - Welt.

Daoistische Gleichnisse wollen unser Alltagsbewusstsein so erschüttern, dass wir jeden Glauben an die Festigkeit von Selbst und Welt verlieren. Zumindest ein gelinder Schreck soll erzeugt werden!"

"Viele Menschen in Ostasien lesen diesen Text als Lebensweisheit, als fortlaufenden Erfahrungsprozess, an dem jeder Mensch teilhaben kann, als Bildungsprojekt. Das Geheimnis seiner Wirkung liegt wohl in seiner schillernden Deutungsoffenheit."

 

 

( Kai Marchal "Tritt durch die Wand..." 2019 )

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Der Taoist beeindruckt mich als jemand, der nicht so sehr nach etwa sucht, das ihm fehlt, sondern genießt, was er hat.

 

Und wenn sie tausendmal den Gebrauch des Wortes tao begutachtet haben, könnten sie sich daran versuchen, ihre Klugheit unter Beweis zu stellen, indem sie eine einzige Definition formulieren, die die ganze Vielfalt abdeckt. Aber selbst wenn es ihnen gelingt, wird ihre Definition all denen trotzdem vollkommen leer erscheinen, die nicht über die konkrete Erfahrung verfügen, wie es tatsächlich ist, mit dieser Philosophie zu leben!

 

Raymond M. Smullyan „Das Tao ist Stille“

 

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Bei großer Poesie ist die freieste Übersetzung manchmal die genaueste.

 

Ich habe häufig ziemlich wörtlich übersetzt - oder eben so wörtlich, wie es bei einem so subtilen, vielschichtigen Buch wie dem Tao te king möglich ist. Aber ich habe auch paraphrasiert, erweitert, zusammengezogen, gedeutet, mit dem Text gearbeitet, damit gespielt, bis er schließlich eine sprachliche Form annahm, die mir genau richtig vorkam. Falls ich nicht immer Laotses Worte übersetzt habe, so wollte ich doch stets das Gemeinte, seine Intention übersetzen.

Stephen Mitchell

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Für alle, die die chinesische Sprache nicht kennen, muß vorweggeschickt werden, daß die chinesische Sprache nicht aus aneinandergereihten phonetischen Wörtern besteht, sondern aus Piktogrammen, besser gesagt aus Ideogrammen, welche Bild- oder Symbolcharakter haben. In den Zeichen sind in sehr abstrakter Form geistige Inhalte von einem höheren Bewusstsein eingeschlossen. Die Zeichen wirken wie Symbole auf den ganzen Menschen und richten sich nicht nur an den Intellekt. Die Chinesen wussten um die Einheit des Seins. Mit diesen genialen Zeichen wurden andeutungsweise Richtlinien gegeben, aber keine Trennungslinien zwischen den verschiedenen Teilen der Manifestation geschaffen. So versteht jeder einen Text aus dem frühen China auf der Ebene, auf der er sich befindet. Einem Sucher kann somit nur nahegelegt werden, der Übersetzung zu folgen, die in ihm eine Resonanz auslöst.

Heinz Klein  

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Laotses Sinnsprüche sind blitzartige Einsichten. Diese Geistesblitze gleichen vollendet geschliffenen Edelsteinen. Sie sind in sich vollkommen und glänzen oft schöner, wenn sie angefasst sind. Aber der menschliche Geist verlangt immer nach Verständnis auf höherer Ebene. Überdies lassen sich Laotses Kostbarkeiten orakelhafter Weisheit selbst im Chinesischen verschiedenartig auslegen, was noch mehr von deren Übersetzung in eine Sprache mit grundverschiedenen Begriffen und Anschauungen gilt.

Lin Yutang

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 Das Alt-chinesisch glänzt in einer kryptischen oder telegrafischen Kürze. Nur das notwendigste wird zur Sprache gebracht. So fallen im Altchinesisch Poetik und Ökonomie zusammen. Anmutig ist der Sprachstil, der in Zwischentönen, ja in Zwischenbedeutungen spricht, der sich für Übergänge öffnet, statt scharfe Grenzen zu ziehen, der aneinanderreiht, statt zu subsumieren(1), der fließen lässt, statt zu fixieren oder festzuhalten.
(1) einem Oberbegriff unterordnen
( Byung-Chul Han  "Abwesen"  Merve Verlag Berlin 2007 )

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"Die Gepflogenheit, die Anhänger einer als scharf umrissen geltenden Lehre als Daoisten oder Anhänger des Tao zu nennen, verführt zu der Annahme, daß der Begriff des Tao einer bestimmten Schule vorzubehalten sei. Ich glaube, daß man ihn in den Bereich des Allgemeinwissens verweisen muß."

 

"Wie Yin und Yang ist auch das Tao eine konkrete Kategorie; es stellt kein Urprinzip dar. Es beeinflusst das Wechselspiel aller Gruppierungen wirkender Gegebenheiten tatsächlich, ohne daß man es jedoch als eine Substanz oder als eine Kraft auffasste. Es spielt die Rolle einer regelnden Macht. Es erschafft die Wesen nicht, sondern es bewirkt, dass sie so werden, wie sie sind. Es reguliert den Rhythmus der Dinge."

 

"Statt die Abfolge von Erscheinungen zu ermitteln, zeichneten die Chinesen den Aspektwechsel auf. Scheint nach ihrer Auffassung ein Zusammenhang zwischen zwei Aspekten zu bestehen, dann nicht ein solcher wie Ursache und Wirkung; für sie gehören die beiden Aspekte offenbar zusammen wie die rechte und die Kehrseite zusammengehören oder wie das Echo und der Ton und der Schatten und das Licht."

 

Marcel Granet "Das chinesische Denken" 1936

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"Die chinesischen Verben haben keine Zeitformen. Sie drücken daher jeden beliebig angenommenen Vorgang als gleichzeitig gegenwärtig und zukünftig aus. Mit anderen Worten, sobald das Bewusstsein zu der Idee erwacht, ein Selbst zu sein, kann die animalische Gnade allein nicht mehr die Führung im Leben übernehmen und muss durch bewusste, intelligente Entscheidungen über Richtig und Falsch ergänzt werden - und das ist nur möglich auf der Basis klar umschriebener ethischer Gesetze.

Aber wie die taoistischen Weisen unermüdlich wiederholen, ethische Gesetze und intelligente Entscheidungen  des oberflächlichen Willens sind nur das Zweitbeste. 

Der Wille des Einzelnen und seine oberflächliche Intelligenz müssen dazu benutzt werden, die alte, animalische Beziehung zum Tao auf einer höheren, spirituellen Ebene wiederherzustellen. Das Ziel ist ständige Inspiration aus Quellen jenseits des Selbst, und die Mittel dazu sind 'die menschliche Güte und Ethik', die zu der Liebe führen, die das Einheitsbewusstsein des Tao oder der Logos und Urgrund allen Seins ist.

 

( Aldous Huxley "Die ewige Philosophie" 1944 )

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Das fernöstliche Denken ist ganz der Immanenz zugewandt. Der dao verschmilzt ganz mit der Welt, mit dem Es-ist-so der Dinge, mit dem Hier und Jetzt. In der fernöstlichen Vorstellungswelt gibt es nichts außerhalb der Weltimmanenz. Wenn der dao sich der Festlegung oder Benennung entzieht, dann nicht deshalb, weil er zu hoch ist, sondern weil er fließt, weil er gleichsam mäandert. Er bezeichnet den ständigen Wandel der Dinge, die Prozesshaftigkeit der Welt. Der dao ist auch kein "Herr" der Dinge, kein "Subjekt". Er zieht sich ebenso wenig in ein Geheimnis zurück. Die Immanenz und die natürliche Evidenz des Es-ist-so zeichnet ihn aus. So unterstreicht Laozi, dass seine Worte "sehr leicht zu verstehen" und "sehr leicht zu praktizieren" seien.

 

1 Beschränkung auf das Innerweltliche. Das, was innerhalb einer Grenze bleibt.

2 sich schlangenförmig bewegen

3 offen zutage liegend

 

( Byung-Chul Han - "Abwesen" Merve Verlag Berlin 2007 )

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Tao ist die grosse, absolute, ewig existierende Einheit des "Nichtseins", welches aber nicht dem "Nichts", der "Leere" des Abendlandes vergleichbar ist, sondern nur die Negation des menschlich begrenzten "Seins" bezeichnen will, da das "Nichtsein", Tao, den vollkommenen, absoluten, ewigen Naturzustand der Ganzheit und Einheit, jenseits jeder Individuation, bezeichnet.

Tao wirkt sich überall aus, es zeugt und nährt alles Sein, ohne Zweck, ohne Herrschaft wirkt es durch "Wu Wei" ( Nicht-Handeln) natürlich.

Laotse, der in der Verwirklichung des natürlichen Ablaufs der Naturgesetze den idealen Zustand des Lebens schlechthin und der individuellen Existenz im besonderen sieht, ist gegen alle menschlichen Eingriffe. Er wendet sich deshalb gegen Ordnungssysteme, Morallehren, Sitten, Gesetze,Strafen, da sie nur Produkte menschlicher Begrenztheit sind, die nicht die Weisheit des Tao - jenseits von Gut und Böse - erreichen, die sich dem Menschen immer aufs Neue in der Natur offenbart.

Der alte Weise fordert den Menschen auf, sich der Natur zuzuwenden.

Der Weise des Tao ist in seiner Einfalt und in seinem Schweigen wie ein Kind. Er lässt die Natur durch sich wirken, indem er Wu Wei übt. Er lehrt keine Tugenden und Moral, sondern lebt selbstlose d.h. natürliche Liebe, Güte und Treue.

 

Ursula Chi "Die Weisheit Chinas und 'Das Glasperlenspiel'" Suhrkamp 1976

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